top of page

Ob Coaching oder Therapie: Wem du dich anvertraust, ist nicht egal

 

Dann ist es verständlich, dass du dir Orientierung wünschst. Verständlich, dass du hoffst, jemand sieht klarer. Verständlich auch, dass klare Worte, starke Auftritte und schnelle Versprechen in so einer Situation erst einmal entlastend wirken können.

 

Gerade deshalb ist es nicht egal, wem du dich anvertraust.

 

Vielleicht suchst du gerade nach jemandem, der dir hilft, etwas zu sortieren, zu verstehen oder zu verändern. Vielleicht hoffst du einfach, dass es endlich etwas leichter wird. Und vielleicht merkst du dabei, wie schwer es inzwischen geworden ist, überhaupt einzuschätzen, was professionelle Hilfe ist – und was nicht.

 

Coaching, Therapie, Beratung, Mentoring, Online-Programme, intensive Gruppenformate, Transformationsversprechen – vieles klingt ähnlich, vieles wird ähnlich vermarktet und vieles arbeitet mit der Hoffnung von Menschen, dass es endlich leichter werden könnte.

 

Gerade wenn du erschöpft bist, wenn etwas weh tut, wenn du dich innerlich festgefahren oder orientierungslos fühlst, können klare Ansagen, starke Auftritte und schnelle Lösungen sehr verlockend wirken. Nicht, weil du naiv bist. Sondern weil du dir Entlastung wünschst. Weil du Halt suchst. Weil du hoffst, dass jemand versteht, was gerade schwer ist.

 

Und genau deshalb ist Aufklärung so wichtig. Nicht nur unter Professionellen. Nicht nur im fachlichen Austausch. Sondern dort, wo Menschen wirklich suchen.

 

Wenn Hilfe nach Klarheit klingt – und eigentlich Druck ist

 

Ich habe vor einiger Zeit auf einer öffentlichen Plattform eine Coaching-Reihe gesehen. Ein Coach mit hoher Reichweite sagte dort unter anderem:

 

„Das machst du nie wieder.“

„Du rufst die Person an und sagst: ,Du bist ein Idiot gewesen.‘“

„Ja, wieso isst du denn zu viel?“

„Versprich mir, dass du das nie wieder machst. Versprich es!“

 

Vielleicht klingen solche Sätze für manche Menschen im ersten Moment nach Klarheit. Nach Stärke. Nach Konsequenz. Vielleicht sogar nach jemandem, der endlich „durchgreift“.

 

Für mich zeigen sie etwas anderes:

 

Grenzüberschreitung.

Beschämung.

Druck.

Macht.

 

Und genau deshalb möchte ich darüber sprechen, was in Therapie- und Coachingräumen selbstverständlich sein sollte – es aber offenbar nicht immer ist.

 

Was in professioneller Begleitung selbstverständlich sein sollte

 

Sicherheit.

Körperlich, emotional, psychisch. Du solltest dich in einem professionellen Raum nicht klein, bedroht, beschämt oder unter Druck gesetzt fühlen. Angst ist keine Methode.

 

Vertrauen.

Nicht das, das sofort eingefordert wird. Sondern das, das langsam wachsen darf. Wenn von dir sehr früh bedingungsloser Glaube, Gehorsam oder völlige Hingabe verlangt wird, ist Vorsicht angebracht. Das ist kein gutes Zeichen für ein tragfähiges Arbeitsbündnis, sondern oft ein Hinweis auf Kontrolle.

 

Würde.

Du bist kein Rohstoff für die Transformation eines anderen. Du bist kein Beweis für eine Methode. Du bist kein Vorher-Nachher-Objekt. Du bleibst ein Mensch mit deiner Geschichte, deinen Grenzen und deiner Integrität.

 

Das Recht, Nein zu sagen.

Jederzeit. Ohne Schuldgefühle. Ohne Abwertung. Ohne Druck. Ohne dass dein Nein sofort als Widerstand, Vermeidung oder mangelnde Bereitschaft umgedeutet wird.

 

Transparenz über Methoden.

Ein seriöser Coach oder Therapeut erklärt dir, was er oder sie tut und warum. Nicht in jeder Minute, aber so, dass du verstehen kannst, was in diesem Raum geschieht. Geheimniskrämerei ist kein Zeichen von Tiefe. Sie ist oft ein Zeichen von Kontrolle.

 

Keine Abhängigkeit als Geschäftsmodell.

Gute Begleitung zielt nicht darauf ab, dass du immer mehr buchst, immer unsicherer wirst und irgendwann glaubst, ohne diese eine Person nicht weiterzukommen. Gute Begleitung möchte dich nicht stärker binden, sondern dich darin unterstützen, dir selbst wieder mehr zu vertrauen.

 

Und an dieser Stelle möchte ich etwas sehr klar sagen:

 

Körperliche Übergriffe haben keinen Platz.

Körperliche Grenzverletzungen sind keine Methode.

 

Was selbstverständlich klingen sollte, muss offenbar trotzdem deutlich gesagt werden. Körperliche Übergriffe sind kein Ausdruck von Tiefe, Echtheit oder besonders wirksamer Arbeit. Sie sind ein Übergriff.

 

Vielleicht hilft dir auch diese Unterscheidung:

 

Härte ist nicht gleich Klarheit.

Druck ist nicht gleich Entwicklung.

Beschämung ist nicht gleich Erkenntnis.

Übergriffigkeit ist keine Methode.

 

Woran du professionelle Hilfe erkennen kannst

 

Professionelle Hilfe macht dich nicht kleiner.

Du wirst nicht beschämt, nicht unter Druck gesetzt und nicht überrumpelt.

 

Professionelle Hilfe erklärt sich.

Methoden müssen keine Geheimnisse sein. Du darfst verstehen, was gemacht wird und warum.

 

Professionelle Hilfe respektiert dein Tempo.

Du musst nicht sofort alles erzählen, alles fühlen oder alles „durchbrechen“.

 

Professionelle Hilfe lässt ein Nein zu.

Ohne Schuldgefühl. Ohne Abwertung. Ohne Druck.

 

Professionelle Hilfe macht keine Heilsversprechen.

Heilung, schnelle Transformation oder garantierte Veränderung zu versprechen, ist nicht professionell.

 

Professionelle Hilfe stärkt deine Selbstbestimmung.

Sie will nicht, dass du abhängig wirst. Sie will, dass du dir selbst wieder mehr vertrauen kannst.

 

Professionelle Hilfe hält Ambivalenz aus.

Zweifel, Widerstand, Unsicherheit oder Scham sind nicht einfach Störungen, die schnell weg müssen, sondern oft verständliche Reaktionen.

 

Professionelle Hilfe ist transparent mit Qualifikation und Rolle.

Du solltest erkennen können, was jemand gelernt hat, worin die Person ausgebildet ist und wo die Grenzen der eigenen Arbeit liegen.

 

Wenn du gerade auf der Suche bist

 

Ich glaube nicht, dass Menschen bei fragwürdigen Angeboten landen, weil sie naiv sind. Ich glaube, sie landen dort oft, weil sie hoffen. Weil sie erschöpft sind. Weil sie sich Orientierung wünschen. Weil sie möchten, dass endlich jemand hilft.

 

Genau deshalb ist Aufklärung so wichtig. Nicht, um dir Angst zu machen. Sondern um dir Orientierung zu geben.

 

Wenn du Hilfe suchst, musst du dich nicht unterwerfen, um begleitet zu werden. Du musst dich nicht kleinmachen lassen. Du musst dich nicht beschämen lassen. Du musst dich nicht überreden lassen, deine Grenzen zu übergehen.

 

Du darfst fragen.

Du darfst zweifeln.

Du darfst prüfen.

Du darfst gehen.

 

Und du darfst darauf achten, wie du dich in einem Raum fühlst.

 

Denn professionelle Hilfe erkennst du oft nicht daran, dass jemand am lautesten auftritt. Sondern daran, dass du dich in der Begleitung nicht kleiner, abhängiger oder falscher fühlst – sondern sicherer, klarer und mehr bei dir.

 


 

 
 
 

Kommentare


  • Instagram
  • LinkedIn

©2024 Sarah Walther

bottom of page